Tycho Brahe – Wissenschaftler

Auf der Insel Ven bildete Tycho Brahe unter zwanzig intensiver Jahre ein für diese Zeit völlig neuartiges wissenschaftliches Institut. Gemeinsam mit einer stattlichen Anzahl Assistenten folgte er einem bis ins kleinste Detail durchdachtem Plan, um mit empirischen Methoden bisher unbekannte Kenntnisse über die Entstehung des Weltalls zu gewinnen. Dies war eine Revolution in der Gelehrtenwelt: Ein solches Modell der Wissenserweiterung hatte man seit Alexandria nicht mehr gesehen. An den europäischen Universitäten entwickelten sich keine eigentlich neuen Erkenntnisse. Die Universitäten hielten an den mittelalterlichen Traditionen fest, nach denen man die Wissenschaften als unveränderlich ansah und definierten als ihre Aufgabe die Ansichten und Theorien der griechischen Autoritäten und der Kirchenväter ihren Studenten nahezubringen.

Brahe kam bei seinen früheren astronomischen Observationen zu der Einsicht, dass die damaligen Sternwarten nicht seinen Anforderungen gerecht wurden. Durch seine Entdeckung von Stella Nova und seiner dadurch gewonnenen Erkenntnis, das diese weit weit hinter den Planteten existiere, setzte er die aristotelische Lehre von der Ewigkeit und Unveränderlichkeit der Sternsphären in Frage. Auf Ven begann Brahe das ambitionierteste Projekt, das die europäische Welt bis dahin verfolgt hatte: Mittels systematischer Beobachtungen und neukonstruierter Instrumente die Entstehung des Universums zu verstehen und zu erklären. Nur die Unterstützung des dänischen Königs ermöglichte dieses Vorhaben. Die Wissenschaften entwickelten sich im 16. Jahrhundert zu einem wichtigen Faktor in der Entwicklung der Nationalstaaten. König Fredrik II. erkannte dies, er unterstützte Brahe und andere junge Männer bei ihren Studien an ausländischen Universitäten. Als er Brahes völliges Desinteresse an einer tradionellen Militär- oder Beamtenlaufbahn wahrnahm, erkannte er andererseits die Möglichkeit, dessen Fähigkeiten und Kreativität zu nutzen, um sich selbst und für das Reich Dänemark in der wissenschaftlichen Welt Ruhm und Ehre zu erwerben.
1576 bekam Brahe unter anderem Ven als Lehen zugesprochen, als Finanzierungsgrundlage seiner Forschungsprojekte, denen er sich mit ganzem Herzen zu widmen strebte. Der Bau Schloss Uranienburgs wurde 1580 abgeschlossen. Es war dem Zweck des Forschungsprojektes mit einer Bibliothek, einem Laboratorium und mehreren Plattformen zur Beobachtung des Sternenhimmels angepasst. Die Zimmer dienten zur Beherbergung besuchender Wissenschaftler und Fürsten, acht Zimmer im ersten Stock waren für die Assistenten vorgesehen. Die Gehilfen Brahes wurden an Universitäten und Kollegien in ganz Europa angeworben, mit denen Brahe in Briefwechsel stand. Sie erhielten über mehrere Jahre reichende Verträge, in denen sie sich verpflichteten, Tycho Brahe in seiner wissenschaftlichen Arbeit zu unterstützen und die Ergebnisse und Einsichten ihrer Studien nicht an dritte weiterzugeben. Im Gegenzug bekamen sie Kost und Logis sowie Kleidung. Über hundert Gehilfen findet man in den Observationsprotokollen, Briefen und anderen Aufzeichnungen dieser Zeit namentlich erwähnt. Die jungen Männer kamen aus den verschiedensten Ländern Europas und führten oft auch nach ihrem Aufenthalt auf Ven die Zusammenarbeit mit Brahe fort.
Die Forschungen erstreckten sich auf die Gebiete Astronomie, Chemie, Medizin, Pflanzenveredlung, Meteorologie und Kartographie. Die Studien waren in hohem Grade von ihrem Nutzen gesteuert und die Anstrengungen des Institutes konnten sich bei Bedarf oder Nachfrage schnell einem neuen Aufgabengebiet zuwenden; der König etwa in dieser Hinsicht einen Wunsch äußerte. Wie bei der Kartographie, als der Staat aus verschiedensten Gründen Interesse an der Entwicklung besserer Methoden für die Kartenproduktion zeigte. Zum ersten mal ließ Brahe die Methode der Dreiecksmessung 1587 bei der Zeichnung einer neuen Karte von Ven anwenden. Die Insel wurde als Hochburg der Wissenschaften schnell in ganz Europa bekannt und die Kenntnisse über die Ereignisse in den Jahren auf Ven breiteten sich schnell in Europa aus: Fürsten und Wissenschaftler hatten ein neues Reiseziel.
Mehr zu diesem Thema lesen Sie in Professor John Robert Christiansons “On Tycho´s Island“, Cambridge University Press.
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